Eine Bürgerbefragung wird selten aus Neugier gemacht. Am Ende steht eine Ratsvorlage, ein Haushaltsposten oder eine Priorisierung, die jemand öffentlich verteidigen muss. Der Fragebogen muss deshalb zwei Dinge gleichzeitig leisten: kurz genug sein, dass Menschen ihn zu Ende ausfüllen, und sauber genug, dass die Zahlen einer Nachfrage im Ausschuss standhalten.
Unten steht ein vollständiges Muster mit sechs Fragen, dazu das, was bei der Stichprobe und der Auswertung erfahrungsgemäß schiefgeht.
Das Muster: sechs Fragen, rund sechs Minuten
- „Wie zufrieden sind Sie mit den folgenden kommunalen Leistungen?“ Matrix über sechs Bereiche, fünfstufig von „sehr unzufrieden“ bis „sehr zufrieden“: öffentlicher Nahverkehr, Schulen und Kindertagesstätten, Parks und Grünflächen, Sicherheit im öffentlichen Raum, Verwaltung und Bürgerservice, Sauberkeit im Stadtgebiet.
- „Wie bewerten Sie die Lebensqualität in unserer Kommune insgesamt?“ Einfachauswahl von „sehr schlecht“ bis „sehr gut“. Die Gesamtnote steht bewusst hinter den Einzelbewertungen, sonst prägt der erste spontane Eindruck alles Folgende.
- „Welche Bereiche sollten bei künftigen Investitionen Vorrang haben?“ Ranking über Nahverkehr, Bildung und Betreuung, Grünflächen und Klimaschutz, Sicherheit und Ordnung, Digitalisierung der Verwaltung, Wohnraum.
- „Welcher Altersgruppe gehören Sie an?“ Unter 18, 18–29, 30–44, 45–59, 60–74, 75 und älter.
- „In welchem Stadt- oder Ortsteil wohnen Sie?“ Die Liste passen Sie an Ihre Gliederung an.
- „Was sollten wir aus Ihrer Sicht als Erstes verbessern?“ Freitext, genau eine offene Frage.
Die beiden demografischen Fragen stehen bewusst hinten. Sie sind der Preis, den die Teilnehmenden für die Auswertung zahlen, und wer bei Frage 1 schon nach dem Alter gefragt wird, bricht häufiger ab. Für die Gewichtung später sind sie trotzdem unverzichtbar.
Zufallsstichprobe oder offener Link: zwei verschiedene Studien
Die folgenreichste Entscheidung fällt vor der ersten Frage. Eine Zufallsstichprobe aus dem Melderegister, angeschrieben per Brief, liefert eine Aussage über die Einwohnerschaft. Ein offener Link auf der Startseite der Stadt liefert eine Aussage über die Menschen, die die Startseite der Stadt besuchen und Lust auf eine Umfrage haben. Beides ist legitim, beides ist nützlich, aber nur das erste darf „repräsentativ“ genannt werden.
Wer den offenen Weg wählt, sollte das im Bericht auch so benennen. Am teuersten wird es, wenn eine Beteiligungsumfrage im Ratsinformationssystem als repräsentative Erhebung landet und ein Jahr später von der ersten kritischen Nachfrage zerlegt wird.
Als Faustzahl: Für eine Gesamtaussage reichen 400 bis 600 auswertbare Fragebögen. Was die Zahl wirklich bestimmt, ist die kleinste Zelle, über die Sie berichten wollen. Wenn im Bericht „Sicherheit nach Stadtteil und Altersgruppe“ steht, brauchen Sie in jeder dieser Zellen genug Fälle, und bei fünf Ortsteilen mal sechs Altersgruppen wird das schnell eng.
Gewichten, weil der Rücklauf nie der Kommune entspricht
Bei Bürgerbefragungen antworten ältere Menschen zuverlässiger als jüngere, und Eigentümer zuverlässiger als Mieter. Das ist kein Mangel der Befragung, sondern der Normalfall. Eine Gewichtung auf die bekannte Alters- und Ortsteilverteilung aus der Melderegisterstatistik rückt das gerade. Wichtig ist nur, dass die Gewichtung auch innerhalb der Filter greift: Ein gewichteter Gesamtwert neben ungewichteten Stadtteilwerten ist eine häufige und stille Fehlerquelle.
Anonymität ist hier die Geschäftsgrundlage
Ohne glaubhafte Anonymität bekommen Sie freundliche Antworten statt ehrlicher. In DataLion speichert der Antwortdatensatz weder IP-Adresse noch E-Mail-Adresse noch einen Login, weil diese Felder gar nicht existieren. Diese Felder fehlen in der Datenstruktur; es gibt also gar keine Einstellung, die jemand versehentlich umlegen könnte.
Der zweite Teil betrifft die Auswertung, und er wird regelmäßig übersehen. Sobald Sie nach Ortsteil und Altersgruppe gleichzeitig filtern, entstehen Zellen mit sehr wenigen Personen, und in einem Ortsteil mit vier Antworten aus der Altersgruppe „75 und älter“ ist Anonymität rechnerisch dahin. Dafür gibt es eine Mindestfallzahl je Projekt oder Chart: Liegt die Basis darunter, wird der Wert ausgeblendet statt ausgewiesen. Der Excel-Export hält sich an diese Schwelle. Für PowerPoint-Exporte gilt sie nicht, das sollten Sie wissen, bevor Sie Folien aus dem Haus geben.
Mehr zur Datenhaltung steht auf der Seite Sicherheit und Datenschutz.
Was Sie am Ende auswerten
Aus der Zufriedenheitsmatrix entsteht je Leistung eine Top-Box, also der Anteil der zufriedenen und sehr zufriedenen Personen. Diese Boxen werden je Skalenfrage automatisch mitberechnet, und die eigentliche Arbeit besteht darin, sie richtig zu lesen: Ein ÖPNV-Wert von 41 Prozent sagt wenig, solange daneben nicht die Vorjahreswelle oder ein anderer Ortsteil steht.
Die Rankingfrage beantwortet die Frage, die im Ausschuss tatsächlich gestellt wird, nämlich womit man anfangen soll. Interessant wird sie im Widerspruch: Wenn die Grünflächen gut bewertet werden und trotzdem oben auf der Investitionsliste stehen, haben Sie ein Thema gefunden, das mit Zufriedenheitswerten allein nicht sichtbar wäre.
Die offene Frage ist der Teil, den die meisten Kommunen unterschätzen, weil das Codieren Handarbeit ist. Sie liefert die Formulierungen, mit denen Bürgerinnen und Bürger ihre Anliegen selbst beschreiben, und die sind für die Kommunikation der Ergebnisse oft mehr wert als die Prozentwerte. Wie Sie offene Nennungen zu Themen verdichten, steht unter Datenaufbereitung; die Signifikanztests für Vergleiche zwischen Wellen oder Ortsteilen unter Analyse und Statistik.
Vier Fehler, die sich wiederholen
Der Fragebogen wird zu lang. Aus sechs Fragen werden im Abstimmungsprozess mit den Fachämtern schnell fünfundzwanzig, weil jedes Amt eine Frage beisteuern möchte. Der Rücklauf sinkt und die Abbruchquote steigt, und am Ende ist die Fallzahl in den Zellen zu klein für genau die Auswertung, für die die Fragen aufgenommen wurden.
Die Skala wechselt zwischen den Fragen. Fünfstufig bei der einen Matrix, vierstufig bei der nächsten, dazwischen eine Schulnotenskala. Das ist für Teilnehmende anstrengend und macht die Werte untereinander unvergleichbar.
Die Ortsteilliste passt nicht zur Verwaltungsgliederung. Wenn die Umfrage fünf Himmelsrichtungen anbietet, die Statistik aber zwölf statistische Bezirke kennt, lässt sich das Ergebnis nicht mit den vorhandenen Daten verschneiden.
Und die zweite Welle kommt ohne Plan. Eine Bürgerbefragung entfaltet ihren Wert im Vergleich über die Zeit. Wer nach drei Jahren die Formulierungen überarbeitet, weil sie inzwischen altmodisch klingen, tauscht eine Zeitreihe gegen ein neues Startjahr.
Die Vorlage
Die Vorlage Bürgerbefragung Kommune enthält die sechs Fragen oben in fertiger Form, anonym angelegt und in Minuten an Ihre Ortsteile anpassbar. Sie können den Fragebogen ohne Anmeldung durchklicken, bevor Sie ihn übernehmen. Weitere kommunale Vorlagen, etwa zur Beteiligung am Bürgerhaushalt, finden Sie in der Vorlagenübersicht.